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Reisen ohne Grenzen


Nachdem wir etwas mehr als zwei Monate in Spanien unterwegs waren, freuten wir uns sehr auf Portugal. Was würde uns erwarten? Rein sprachlich schien eine neue Herausforderung bereitzustehen, so wussten wir beim Überqueren der Grenze noch nicht einmal wie man richtig `Danke‘ und `Hallo‘ sagt. Doch zuerst musste der Virus auskuriert werden. Dazu blieben wir einige Tage in Alcoutim, einem ruhigen Dörfchen gleich neben dem Grenzfluss. Der erste Ausflug in den Mini- Supermercado liess auf einen offenen, herzlichen und unkomplizierten Umgang schliessen. Eine Lebensmittellieferung wurde in Empfang genommen und mit Hilfe der Kundschaft unter viel Gelächter und Geplauder ins Geschäft befördert.



Alcoutim befindet sich etwa 50 km nördlich der Küste und ist auch Startpunkt der Via Algarviana, einer Mountainbike- und Wanderroute durch das portugiesische Hinterland. Wir folgten im Groben dem Verlauf der Route, wichen aber oft auf Strassen aus, da unsere Räder für die steilen Holperfahrten zu schwer und zu sperrig waren. Viele kleine Dörfer befinden sich auf der Route durch die hügelige Landschaft. Kinder und junge Leute haben wir auf diesem Teil der Strecke selten zu Gesicht bekommen. Es scheint dass es in der Region nur wenig Arbeit gibt, mit der sich der Alltag finanzieren lässt. Hier leben vermehrt ältere Leute. Einige von ihnen haben für ein paar Jahre in Deutschland gearbeitet und die Überraschung war gross als wir zum ersten Mal auf Deutsch angesprochen wurden. Bäckereien, Lebensmittelgeschäfte und Trinkwasserbrunnen waren seit Spanien eher die Ausnahme als die Regel. Ersatzweise kommt jedoch der Minimercado im Lieferwagen ins Dorf und verkauft von Grabkerzen über Pinsel bis hin zu Backpulver allerlei Notwendiges. Trotz gut ausgeschilderter Via Algarviana sind Touristen selten und somit umso interessanter, erst recht mit vollbepackten Fahrrädern und Schweissperlen im Gesicht.



Was uns schon nach wenigen Kilometern positiv überraschte war das Fehlen von Zäunen! Das liess bezüglich dem Wildcampen auf Gutes hoffen und wir sollten bis Lissabon jeweils sehr schnell fündig werden. Es war schön zu wissen das man spontan nach einem Platz suchen konnte. Auch wenn das Wildzelten in Portugal offiziell als verboten gilt, so wird es überall ohne weiteres toleriert - „não é um problema“ – kein Problem - gut zu wissen.

 

Die Via Algarviana verliessen wir nach einigen Tagen, mit dem Ziel an die Steilküsten im Süden zu gelangen. Der Weg führte vorbei an etlichen Korkwäldern und mit der Meeresnähe ist auch die Landschaft wieder deutlich mehr von der Landwirtschaft geprägt. Des öfteren kündigte der Geruch von Beeren die nächste Plantage an.
Die Algarve gilt als Vogelparadies. Störche mit ihren grossen Nestern sieht man hier zuhauf, genauso wie Schwalben, Eichelhäher, Blauelstern „Wiedehöpfer“ und Baba‘s zwei Bienentöter (eine äusserst bunte Vogelart).



Die vielen idyllischen Buchten und Höhlen zwischen den Steilklippen in Lagos sind beeindruckend und ziehen viele Menschen an. Auch wir waren sehr angetan von den Felsformationen, doch störten uns die unzähligen ausgetrampelten Pfade die zu den verschiedenen Aussichtspunkten führen. Hier wird die Natur buchstäblich mit Füssen getreten, ganz helle Köpfe hinterlassen auch ihre PET-Flaschen im Gebüsch oder versenken sie zwischen den Felsen. Gegen Westen hin gab es dann einen Steg für die Fussgänger, was wir sehr begrüssten. Auch auf dem Wasser lief es turbulent. Massenhaft Motorboote und Kajakgruppen sind schon in der Vorsaison unterwegs zu den Höhlen, wir waren sehr erstaunt ab dem hektischen Treiben. Wie ruhig und entspannt die Kulisse sein kann zeigte sich am folgenden Morgen, als wir uns früh aufmachten um die Klippen bei Sonnenaufgang zu sehen.

 

Die zwei Leuchttürme von Sagres und Capo Vincente durften wir uns nicht entgehen lassen. Von hier hat man eine fantastische Aussicht über die vielen Klippen und Buchten. Sind die Strände an der Westküste von Badenden bevölkert, so sind die Buchten an der Atlantikküste fest in Hand der Surfer. Entsprechend entspannt war die Stimmung in den kleinen Dörfern. Viele weisse Häuser vermitteln eine ausgelassene Ferienstimmung und die diversen Camper und VW-Busse der Surfer taten das ihrige dazu.



Dass die Strassen in Portugal sehr pragmatisch geplant sind wurde spätestens bei der Steigung von 20% klar. Ohne Kurve verlief die Strecke schnurgerade auf den Hügel – nach den jeweils sehr sanften Anstiegen in Spanien eine echte Herausforderung, vor allem in der Mittagssonne. Wir orientierten uns für einige Zeit an der Route der Eurovelo 1, welche vom Nordkap entlang der Atlantikküste nach Portugal führt. Die Route verläuft meist auf kleineren Wegen, die hier nicht selten sehr holprig oder sandig sind. Die schöne Aussicht entschädigt für die rumplige Fahrt, doch freuten wir uns bereits darauf in Lissabon unser Packsystem von traditionellen sechs Taschen auf Bikepacking umzustellen. Beim Bikepacking werden Fahrspass und Radreisen vereint. So wird dank speziellen Taschensystemen das Gewicht besser am Rad verteilt wodurch das Fahren auch in unwegsamem Gelände möglich sein soll. Wir haben dazu einiges an Material ausgemustert und schwere Sachen in den neuen Rahmentaschen verstaut. Dies bedurfte lange Diskussionen bis Taschenwahl und Gepäckverteilung geklärt waren. Wie erfolgreich die Umstellung ist wird nun in Costa Rica getestet.



Lissabon rückte immer näher und somit auch das grosse Etappenziel. Dass wir dort Briggels mit einer riesigen Materiallieferung treffen sollten machte die Freude umso grösser. Kaum in Lissabon war Daniel so übermotiviert, dass er mit Schwung eine sich senkende Barriere zerstörte. „Don’t stop me now, ‘cause I’m having a good time!” Es warteten fünf Tage Städtetrip und wir fanden auch die Zeit für eine finale Velotour in Portugal. Zusammen mit Briggels gings von Sintra nach Cascais – Leuchtturm und Klippen inklusive.
Die Tage in Lissabon waren schnell gezählt und die Weiterreise rückte immer näher. Langeweile kam also keine auf - Fliegen mit Velo ist und bleibt für uns eine Herausforderung und auch diesmal dauerte das Packen und die Abklärungen am Flughafen Stunden. Die Vorbereitungen haben sich jedoch gelohnt und alles erreichte San Jose unbeschadet. Jetzt geht’s los mit Pura vida!