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Pura Natura


Alle Papiere bereit, dann waren wir an der Reihe. „Wohin reist ihr, wann ist euer Weiterflug und wo werdet ihr heute übernachten?“ Nach einer kurzen Erklärung und der Kontrolle unserer Reiseunterlagen erhielten wir den Einreisestempel in den Pass für 90 Tage Aufenthalt in Costa Rica. „Gute Reise und Pura Vida!“, wünschte uns der Immigration Officer. Dann machten wir uns auf den Weg zur Gepäckannahme. Die riesigen Kartonkisten waren bei der Ankunft nicht zu übersehen – grosses Gepäck bringt also tatsächlich auch kleine Vorteile mit sich. Nach dem Verlassen des Flughafens sollte die Arbeit jedoch erst richtig beginnen. Nachdem wir alle Taxifahrer mit ihren Zurufen passiert hatten, fanden wir eine ruhige Ecke um die Drahtesel wieder in ihre ursprüngliche Form zurück zu verwandeln. Mario, ein „Tico“ (so nennen sich die Costa Ricaner) kam uns kurz darauf ungefragt zu Hilfe und es ergab sich ein erstes interessantes Gespräch. Bis alles an Ort und halbwegs richtig verstaut war, hatte die Dämmerung schon lange eingesetzt und wir sollten die 20 Kilometer Fahrt ins Zentrum von San José in der Dunkelheit antreten. Mario begleitete uns noch einige Zeit. Ohne Licht lotste er uns zur nächsten Hauptstrasse und brachte mit erhobener Hand den Verkehr zum Stillstand. Er bedankte sich bei den Autofahrern während wir verwirrt hinterhertrotteten. Nach einigen Metern auf der Gegenfahrbahn kam der erlösende Schleichweg und damit auch eine ruhigere Strecke. Etwas skeptisch folgten wir ihm und kontrollierten immer wieder die Fahrtrichtung – ein neues Land soll mit Besonnenheit genossen werden. Wenig später hielt er an einer Strassenecke und versorgte uns mit letzten Tipps für die Weiterfahrt. „Gute Reise und Pura Vida!“
Für seine Starthilfe waren wir ihm überaus dankbar und bereuten sogleich unser Misstrauen. Unterstützt durch viel Gehupe schafften wir die letzten Kilometer bis ins Hotel – endlich angekommen.



Es brauchte noch zwei Tage und einen Ausflug zum Velomech bis alles startklar und zurechtgebogen war. Danach waren wir bereit für eine erste schweisstreibende Fahrt nach Turrialba wo eine weitere Woche Spanischunterricht auf uns wartete. Ganz im Gegensatz zur Schule in Barcelona lag hier das Klassenzimmer mitten im Grünen. So brachte ein vorbeifliegender Tucan immer wieder eine gelungene Abwechslung zum Preterito Perfecto und zur Hektik der vergangenen Tage. Neben den Hängematten auf der Terrasse genossen wir auch die Küche in der Unterkunft. Seit langem hatten wir wieder einmal einen Ofen und nutzten die Gelegenheit um einen Apfelkuchen und Ofenkartoffeln zu machen. Nach einer Woche waren unsere Batterien geladen – wir freuten uns darauf endlich wieder in die Pedale treten zu können.



Ein Vulkangürtel zieht sich von Norden nach Süden durch ganz Costa Rica. Deshalb blieb es für einige Zeit hügelig. Die Landschaft ist saftig grün und dank den täglichen Regenschauern gedeiht die Flora prächtig. Aufgrund der Starthöhe in Turrialba waren die Temperaturen noch sehr gnädig, kletterten aber mit jedem Meter Talfahrt kontinuierlich in die Höhe. Zusätzlich macht sich auch die hohe Luftfeuchtigkeit bemerkbar. Die Energiereserven sind mit diesen Gegebenheiten immer wieder schnell erschöpft und wir geniessen jeweils die frischen Früchte von den Verkaufsständen am Strassenrand. Nebst dem vielen Obst stehen vor allem Reis, Bohnen und Fleisch - drei Mal täglich in verschiedenen Variationen - auf dem Speiseplan.



Die Hunde in Costa Rica sind bis anhin ein sehr erfreuliches Thema. In Frankreich, Spanien und auch Portugal waren wir immer wieder froh um die Zäune die zwischen den meisten Hunden und uns standen. Auch wenn wir ansonsten keine Zaun-Fan’s sind – hier waren sie herzlich willkommen, solange sie ihre Aufgabe lückenlos wahrnahmen. Wir fragten uns immer wieder was für einen enormen Stress wir bei den Hunden auslösten, dass sie als Reaktion auf unsere Durchfahrt mit so viel Gebell am Gitter hochspringen. In Costa Rica sind die Hunde meist muy tranquillo, beachten uns kaum oder bellen kurz zur Begrüssung. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen – so wurde Barbara für kurze Zeit von zwei nicht so lässigen Lassie’s verfolgt.



Die Ticos haben schon früh erkannt dass die üppige Pflanzen- und Tierwelt zu den wichtigsten Ressourcen des Landes gehören. Entsprechend gross ist das Angebot an Tier-, Adventure- und Gourmettouren. Wenn man jedoch etwas Zeit mitbringt und die Augen offenhält, lässt sich vieles ganz unkompliziert und ohne Guide beobachten. Mal flüchtet eine Horde Leguane auf die Bäume, ein ander Mal passiert eine Schildkröte den Weg, Beispiele gibt es viele und langweilig wird es nicht.

Auf unserem Weg haben wir Gerry und Linda kennengelernt. Sie kommen ursprünglich aus Kanada und sind vor etlichen Jahren in einem kleinen Dorf an der Pazifikküste sesshaft geworden. Um ihr Haus wird’s ebenfalls nie langweilig, denn hier leben Brüllaffenfamilien im Einklang mit dem Menschen. „Das sind wilde Affen! Wir lassen sie in Ruhe und füttern sie nicht. Dafür kommen sie uns nicht zu nahe und hausen mehr oder weniger ruhig auf unseren Mangobäumen“, erklärte uns Linda. Ganz so ruhig und harmlos sind die Primaten aber doch nicht. Gerne machen sie Ihrem Namen alle Ehre und immer wieder knallt eine angebissene Mango auf den Boden.  Für die Zukunft gilt also: Zelte nicht unter dem Mangobaum, wenn die hungrige Brüllaffenfamilie am Essen ist!



Seit einigen Tagen fahren wir auf einem Trail entlang der Küste der Halbinsel Nicoya. Obwohl diese Region zu den trockensten von ganz Costa Rica zählt, wären auch hier tägliche Regenschauer normal, blieben jedoch seit über einer Woche aus. Für uns kommt dies gerade gelegen, erst einmal konnten wir einen Fluss aufgrund der starken Strömung und des hohen Wasserstandes nicht überqueren. Die Strassen sind holprig und jedes vorbeifahrende Auto hüllt uns in eine grosse Staubwolke. Doch führen die Pisten an vielen naturbelassenen und oftmals menschenleeren Stränden vorbei. Wir geniessen weiterhin die Postkartenidylle, auch wenn wir dafür ab und an etwas Staub schlucken müssen.