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¡Hola Gringo!


Mit dem Shuttlebus wurden wir direkt in Panama City abgeholt, denn wir wollten uns so eine weitere Autobahnfahrt und das risikoreiche Gebiet rund um Colòn ersparen. Somit gelangten wir zum Segelschiff, welches uns per Seeweg über die San Blas Inseln nach Kolumbien brachte. Die 365 Inseln werden teilweise von den Kunas, einem indigenen Volk bewohnt. Fünf Tage schaukeln, traumhaftes Inselfeeling und Zeit zum entspannen machten diese Reise zu etwas besonderem. Die Velos hatten somit für drei Wochen Pause und innert Stunden begannen die Bremsscheiben zu rosten. Vor uns lag Cartagena – eine lebendige und bunte Kolonialstadt im kolumbianischen Norden.



Kolumbien verbindet man nicht direkt mit schönen und weitläufigen Landschaften, auch nicht mit freundlichen Menschen – viel eher drängen sich die Gedanken an Bandenkriege, Drogenhandel und Korruption in den Vordergrund. Klar hatten wir skeptische Momente bei der Reiseplanung. Doch wir trafen in Panama einige Kolumbianer an, welche unsere Bedenken relativierten. „Kolumbien wird euch begeistern!“, „Kolumbien ist ein Veloland – Velofahren ist bei uns Nationalsport!“, „Die Menschen sind überaus freundlich und werden euch immer weiterhelfen!“, „Kolumbien überzeugt euch mit Vielfältigkeit!“ Und dennoch wurde uns Kolumbien zu keiner Zeit als sicheres Reiseland verkauft. Es gibt einige Tabus und Empfehlungen die uns immer wieder genannt werden und die für ein verantwortungsbewusstes Reisen unabdinglich sind.
Nachts noch auf der Strasse zu sein oder gar in der freien Natur zu zelten sind Risiken die man nicht eingehen soll. Dazu gilt in Kolumbien: „No dar Papaya“ – Zeig nicht was du hast an Orten die du nicht kennst. 



Nach über 6000 Kilometern und der strapaziösen Seefahrt haben sich unsere Lastenträger in Cartagena einen Service beim Velomech mehr als verdient. Wir nutzten derweilen die Zeit um uns auf das Velofahren im neuen Kontinent vorzubereiten. Nur die lange Suche nach einer Landkarte blieb erfolglos – das GPS und Google Maps haben sie hier vollständig verdrängt. Natürlich blieb auch Zeit um das historische Zentrum zu erkunden. Viele gut erhaltene und gepflegte Kolonialbauten verleihen Cartagena einen ganz eigenen Charakter. Kunterbunte Fassaden beherbergen trendige Cafés und hippe Boutiquen. Auch grosse Graffitis gehören hier zum Stadtbild. Abseits vom touristischen Zentrum zeigt sich die Stadt von einer anderen Seite. Hupen gehört dort zur ständigen Geräuschkulisse und oftmals ist es angenehmer aufgrund des Gestanks die Luft vorübergehend anzuhalten. Die Häuser sind praktisch statt prunkvoll und auf den Strassen tummeln sich die Leute.
Die wichtigste Regel im Verkehr lautet ´de Gschnäller isch de Gschwinder‘. Jede Lücke wird sofort genutzt, Vortrittsregeln gibt es nicht, genauso wenig wie das Einspuren vor dem abbiegen. Ein Grossteil der Lenker besitzt keinen Führerschein und Bussen werden durch „ein grosszügiges Trinkgeld“ an den Polizisten abgewendet. Das erklärt einiges. Dass die Fahrspur oftmals auch als Parkplatz oder Stellfläche für den mobilen Verkaufsstand genutzt wird macht die Situation nicht besser. Doch interessant ist es allemal und es gibt immer etwas zu bestaunen. So zum Beispiel den Töfffahrer, der vor der Brust einen kleinen Vogelkäfig an einer Halskette trägt. Ob der ´Ausflug‘ dem Kanarienvogel gefiel ist unbekannt.



Zwei Stunden dauerte die Fahrt aus der Stadt bis sich der Verkehr langsam wieder lichtete. Es wurde leiser, grüner und wir kamen endlich wieder vorwärts. Vorbei an Kuhweiden und Sumpfgebieten durch weitläufige Landschaften mit einer grossen Vielfalt an Vögeln. In den kleinen Dörfern fallen unsere Gefährte auf, genauso wie unsere Hautfarbe. Des Öfteren werden wir mit ¡Hola Gringo! angesprochen - ein eigenartiges Gefühl. Immer wieder sitzen Leute vor ihren Häusern im Schatten. An kleinen Tischen wird Domino oder Karten gespielt, ein Fischernetz repariert oder einfach nur geplaudert. Unserer Durchfahrt wird meist mit kritischen und erstaunten Blicken begegnet – sobald man den Leuten zuwinkt und ein Lachen zeigt, freuen sie sich und nicht selten bekommen wir Anfeuerungsrufe zu hören. Wir erleben die Kolumbianer bisher als überaus offen und hilfsbereit. Schon am ersten Velotag wurden wir von Grace und Marvin in ihr Haus zum Übernachten und Essen eingeladen. Mit grossem Interesse verfolgten sie und ihre Besucher das Aufblasen unserer Schlafmatten und bei Marvins Testliegen brachen alle in schallendes Gelächter aus.



Noch immer befinden wir uns ganz am Anfang unseres Kolumbienabenteuers und doch gabs schon viel Spannendes und teilweise auch Skurriles zu erleben. Unsere Route führt momentan noch durch den flachen Teil des Landes. Schon bald werden wir jedoch wieder fester in die Pedalen treten müssen wenn wir die Anden in Angriff nehmen. Wir freuen uns darauf, denn die hiesigen hohen Temperaturen lassen uns von den kühleren Höhen träumen.