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Holprige Aussichten im Süden


Auf kolumbiens Strassen wird es nie langweilig. Man trifft vom Pferd mit Wagen über Tuk Tuk, Rikscha, Motorrad, LKW‘s bis hin zu allen möglichen Automodellen (fahrender Rosthaufen bis moderner Geländewagen – nichts ist unmöglich) das ganze Spektrum. Und wenn gerade kein anderer Verkehrsteilnehmer unterwegs ist, so fordert oftmals die Strasse selbst die volle Aufmerksamkeit. Eine 1A Teerstrasse kann sich ohne weiteres nach der Kurve in eine holprige Schlaglochpiste verwandeln – oder auch anders rum, was natürlich mehr Freude macht. Des weiteren tun wir uns  mit den Verkehrsregeln etwas schwer. Auch wenn die Kolumbianer normalerweise sehr tranquillo sind – im Verkehr regiert der Bleifuss. So wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit überholt, egal ob die Situation überschaubar ist oder ein Fahrzeug entgegenkommt. Irgendein Weg findet sich immer. Doch die unzähligen Kreuze am Strassenrand zeigen, dass unsere Bedenken nicht ganz unbegründet sind. So kommt es auch nicht überraschend, dass wir wenn immer möglich auf verkehrsarme Strassen ausweichen.



Haupttransportmittel in Kolumbien ist das Motorrad. Zwischen einem und fünf Passagieren ist alles normal und die Fracht gibt immer wieder Grund zum Staunen und Lachen. Rasentrimmer gehören zum Standardgepäck. Grosse Kühlboxen werden gerne auf dem Tank zwischen den Armen des Lenkers transportiert. Wellblechelemente, Eierkartons, Mikrowellen, Kühlschränke, Waschmaschinen und meterlange Leitungsrohre - alles passt irgendwie auf das Motorrad. Unser Highlight war ein grosses Kinderschwimmbecken, natürlich in aufgepumptem Zustand. Fahren darf jeder dessen Beine genügend lang sind und die Tempolimite wird nicht selten vom Strassenzustand vorgegeben. Kleinkinder werden auf dem Arm in den Fahrwind gehalten – ob das wegen des Geruchs aus der Windel ist?



Nach Villa de Leyva war unser nächstes grosses Ziel die Salzkathedrale von Zipaquira. An die Höhe konnten wir uns zwischenzeitlich schon etwas gewöhnen, was für den weiteren Routenverlauf von grossem Nutzen war. Eine überraschende Abwechslung vor dem grossen Berganstieg bot Ráquira – wo auf dem Dorfplatz vor der Stadtkirche Scharen von Schülern traditionellen Tanzdarbietungen zuschauten. Auch die kleinsten unter Ihnen trugen Hüte und Ponchos, was dem Fest einen passenden Charakter verlieh.
Die Region ist bekannt für ihre Töpferwaren und die Verkaufsstände reihen sich entlang der Strassen bis auf grosse Höhen. Auch wenn die Berge nicht mehr ganz so üppig besiedelt sind – so findet man doch immer wieder vereinzelte Häuser und gar eine Schule auf 3000 Meter über Meer.
Die Landschaften waren weiterhin äusserst abwechslungsreich und immer wieder überraschend. Eher düster wirkten die privaten Kohleminen nach Lenguazaque, im Dörfchen Cucunubá herrschte schon oder noch immer Weihnachtsstimmung und die Hochebene um die Lagune de Suesca erinnerte stark an Bilder aus Irland. Nach langer Zeit lohnte es sich wieder einmal die langen Hosen anzuziehen und auch die Regenjacken feierten ihr Revival nach einer langen trockenen Phase.



Zipaquira liegt nur gerade mal 30 Kilometer vor dem Kühlschrank Kolumbiens (Bogotá). Vor allem die Salzkathedrale, die in einem alten Stollen eines Salzbergwerks errichtet wurde zieht Touristen in Scharen an. Auch wir waren fasziniert von der Akkustik und der Stimmung im Berg. Bogotá liessen wir danach buchstäblich links liegen und machten uns auf in Richtung der Tatacoawüste. 2000 Meter Talfahrt – wohlgemerkt an einem Stück – liessen uns den Fahrtwind spüren. Und innert kürzester Zeit kletterten die Temperaturen von 15 auf 40°C.
Die Wüste von Tatacoa ist nur klein und lässt sich gut in einem Tagesausflug mit dem Velo erkunden. Unzählige Kakteen von klein und kugelig bis hin zu baumgross besiedeln die Steinwüste, welche mit vom Regen ausgespülten Felsformationen beeindruckt. Bei einem Spaziergang durch das Felslabyrinth erkundeten wir die etwas andere Umgebung.



Zurück in Villavieja erreichte uns die Nachricht von den aktuellen Geschehnissen in Ecuador. Eigentlich war unser Plan noch mindestens bis Quito weiter zu fahren. Zu gerne hätten wir noch einen Teil dieses Landes erkundet und somit auch noch den Äquator überquert. Auch ein Teil der Bikepackingroute „TEMBR“ die sich quer durchs ganze Land zieht, stand noch auf unserer Wunschliste. Doch mit dem Blick auf die Seite des EDA und dem Studium einiger Medienberichte kamen ernsthafte Bedenken zu unserem Vorhaben auf. Wegen Unruhen seitens der ländlichen Bevölkerung befindet sich das Land seit einigen Wochen im Ausnahmezustand. Das sind nicht die Bedingungen unter denen wir ein unbekanntes Land bereisen möchten, zumal man mit dem Fahrrad nochmals exponierter unterwegs ist. Um letzte Zweifel auszuräumen fragten wir noch bei der kolumbianischen Polizei nach, wie denn die Situation im Nachbarland einzuschätzen sei. Die Antwort kam sehr bestimmt; keine gute Idee!
Nun ging das grosse Grübeln los. Welches sollte unser neues Reiseziel werden? Klar war, dass wir ab Dezember in der Schweiz wieder ein Dach über dem Kopf zur Verfügung haben werden. Da wir unnötige Flüge vermeiden wollten fiel die Wahl relativ pragmatisch aus. Ab Bogotá gibt es Direktflüge nach London – also auf ins vereinigte Königreich.



Wir buchten einen Flug ab Popayán und der weitere Weg dorthin sollte über ein ganzes Gebirgsmassiv führen. Zum Abschluss von unserer Reise durch Kolumbien verlangte uns diese Strecke nochmals einiges ab. Holprige Schotterpisten bis auf 3400 Meter über Meer standen noch bevor. Belohnt wurden wir dafür mit einer grossartigen Landschaft im Hochgebirge. Der Nationalpark Puracé beheimatet drei Vulkane. Das erklärt auch den starken Schwefelgeruch in der Luft und die verfärbten Wasserläufe entlang der Strasse. Sogar eine Quelle mit natürlichem Sodawasser findet sich direkt neben dem Weg – geschmacklich zwar etwas gewöhnungsbedürftig, aber allemal erfrischend! Wir genossen die neuartige Landschaft mit vielen Espeletia- Pflanzen, bevor wir in einer letzten langen Talfahrt in Richtung Popayán sausten. Hier verbringen wir nun noch einige Tage, bereiten uns und unsere Drahtesel auf den Flug vor und halten die Füsse still.



Auch wenn die Wendung für uns sehr überraschend gekommen ist, so blicken wir auf eine äusserst spannende Zeit in Kolumbien zurück. Wir mochten die landschaftliche Vielfalt, die herzlichen und hilfsbereiten Leute und das bunte Treiben in den Gassen. Wir konnten die Logik nicht in jeder Situation begreifen, was jedoch zum Reiseerlebnis mit dazu gehört. Schön ist wenn man trotzdem lacht – und dies ist uns hier gelungen.
¡Hasta luego!